Renate Tost
Von der Schulausgangsschrift zur Kalligrafie und skripturalen Gestik
Niderländisches Schreibmeisterbuch von Erasmus van den
Steene, 1687
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Schönschreibheft für Jugendliche von 8 bis 80 Jahren.
Leipzig : Institut für Buchgestaltung, 1960 (zugleich
Diplomarbeit von Renate Tost)
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Die Schrift in der Schule; Formentwicklung und
Gesamtgestaltung von Renate Tost.
Leipzig : Institut für Buchgestaltung, 1968
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Renate Tost: Alphabet der Schulausgangsschrift der DDR,
1968
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Brief von Hermann Zapf an Albert Kapr, 5.12.1961
u. a. Lob für die Diplomarbeit von Renate Tost
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Studie aus dem Zyklus "Karl Marx an Jenny". Textgebundene
Kalligrafie, 1981.
Ziehfeder, Deckfarbe auf Scherenschnittpapier
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Monogramm "HB"; Kalligrafisches Formspiel, 1991
Mischtechnik (Pinsel, Spritzflasche), Tusche auf
kleistergrundiertem und gesprenkeltem Papier
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pomposo; Abstrakte Kalligrafie, 1990. Mischtechnik (Pinsel,
Spritzflasche), Deckfarbe
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o. T., Skripturale Gestik, 2001. Mischtechnik (Pinsel,
Feder), Tusche, nachträglich gewaschen (Lavagetechnik)
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o. T., Linien, gebündelt zur Struktur, 2002.
Federzeichnung, Deckfarbe auf Scherenschnittpapier
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Neben Sprache und Gestik gehört die Schrift zu den wichtigsten Mitteln menschlicher Verständigung. Die persönliche Handschrift ist zugleich eine der individuellsten Ausdrucksmöglichkeiten. Über viele Jahrhunderte hinweg hatte die Ausbildung einer wohl geformten flüssigen Handschrift hohen Stellenwert. Das Erlernen der Schreibfertigkeit basierte auf Vorlagen von Schreibmeistern, die von Ort zu Ort, auch von Schule zu Schule in unterschiedlichster Form Anwendung fanden und die Schönschrift oft bis auf die Ebene der kalligrafischen Kunst kultivierten. Im Zeitalter elektronischer Medien kommt dem Schreiben mit der Hand, abgesehen von der Unterschriftsleistung, einer schnellen Notiz, einem persönlichen Glückwunsch o. ä. nur noch randständige Bedeutung zu und der Begriff „Kalligrafie“ wird oft auf die Vorstellung asiatischer oder arabischer Schriftkunst und Schriftmeditation reduziert. Im europäischen Raum gibt es eine Reihe von Künstlern, die auch heute noch kalligrafisch tätig sind und Vereinigungen, die diese Kunstpflege unterstützen (Ars Scribendi: Internationale Gesellschaft zur Förderung der Literatur- und Schriftkunst e.V., Schweizerische Kalligraphische Gesellschaft u. a.). Die Kalligrafie ist mit vielen Facetten besetzt. Geht man davon aus, dass Schrift die grafische bzw. bildhafte Darstellung von Sprache ist, so versteht man unter Kalligrafie eine besondere Qualitätsstufe der vornehmlich handschriftlichen Ausführung, die auch ein künstlerisches Anliegen sein kann. In der Regel ist zwischen zweckgebundener bzw. anwendungsorientierter und freier Kalligrafie zu unterscheiden.
Für Renate Tost (geb. 1937) begann der Weg zur Kalligrafie mit
dem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig
(1955-1960). Dabei stand zunächst die Auseinandersetzung mit der
Funktionalität und Formgebung des reformbedürftigen
Ausgangsalphabets, das an den Schulen der DDR gelehrt wurde, im
Vordergrund. Die Anregung dazu erhielt sie von einem ihrer Lehrer,
Albert Kapr (1918-1995). In Zusammenarbeit mit der Diplompädagogin
Elisabeth Kaestner (Institut für Lehrerbildung, Radebeul)
erarbeitete Renate Tost die Grundlagen für eine neue
Schulausgangsschrift, die 1968 in den allgemeinbildenden
polytechnischen Oberschulen der DDR eingeführt wurde. Die
Ergebnisse des langjährigen Forschungsprojektes gingen jedoch weit
über das hinaus, was seitens des Ministeriums für Volksbildung für
die Reform der Schulausgangsschrift wirklich genutzt wurde. Ihren
Anteil an diesem Projekt sieht Renate Tost folgendermaßen: „… meine
spezifische Aufgabe und Verantwortung als Grafikerin besteht vor
allem darin, den reichen Erfahrungsschatz europäischer
Schriftkultur (insbesondere die Renaissance-Kursiven als Quelle der
lateinischen Schreibschriften) für die Gestaltung des Alphabets zu
nutzen und elementar-ästhetische Prinzipien in den Schreibvorlagen
umzusetzen.“
Bis zum Abschluss ihrer Promotion 1975 am Institut für
Kunsterziehung der Universität Leipzig beschäftigte sie sich
weiterhin mit diesem Thema und leistete mit Publikationen und
grafischen Arbeiten einen wesentlichen Beitrag zur Profilierung des
Schreibunterrichts in der Grundschule sowie zur Schriftgestaltung
in der Kunsterziehung.
Während der sich anschließenden Lehrtätigkeit an der
Pädagogischen Hochschule Dresden im Fachgebiet Kunsterziehung
knüpfte Renate Tost wieder verstärkt an die ursprüngliche
Schriftausbildung bei Albert Kapr und Irmgard Horlbeck-Kappler an
der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst an und aktivierte
das eigene künstlerische Schaffen. Die Arbeitsfreundschaft mit
Hildegard Korger, ebenfalls Hochschule für Grafik und Buchkunst,
brachte vor allem nach dem Ausscheiden aus dem Lehrbetrieb weitere
fruchtbare Impulse.
Renate Tost erhielt 1982 im Rahmen des Sonderwettbewerbs der
Internationalen Buchkunstausstellung Leipzig (IBA) die
Bronzemedaille für einen kalligrafischen Zyklus und wurde 1989 mit
dem Kunstpreis der Pädagogischen Hochschule Dresden ausgezeichnet.
Sie lebt und arbeitet freiberuflich in Dresden.
Die Präsentation im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen
Nationalbibliothek in Leipzig gibt Einblick in das eigenwillige
Schaffen von Renate Tost, das zum Teil auch mit Phasen des Rückzugs
verbunden war. Die wesentlichen Werkgruppen von der textgebundenen
Kalligrafie über die kalligrafischen Formspiele und abstrakte
Kalligrafie bis zur skripturalen Gestik und den Entwicklungen der
jüngsten Zeit mit Linien, die zur Struktur gebündelt sind, werden
beispielhaft mit grafischen Blättern belegt. Hinzu kommt eine
Dokumentation der wichtigsten Arbeitsschritte zur Entwicklung der
Schulausgangsschrift, einschließlich eines knappen Rückblickes bis
zur „Deutschen Schreibschrift“ von Ludwig Sütterlin, die nach einer
Erprobungszeit mit einigen Abwandlungen seit 1935 Teil des
offiziellen Lehrplans wurde und in Folge des
nationalsozialistischen Schrifterlasses durch die „Deutsche
Normalschrift“ Ersatz fand.
Gegenwärtig werden in Deutschland drei verschiedene
Ausgangsschriften gelehrt: die „Lateinische Ausgangsschrift“, die
„Vereinfachten Ausgangsschrift“ und die „Schulausgangsschrift“ der
ehemaligen DDR. In den einzelnen Bundesländern ist es
unterschiedlich geregelt, ob eine der Schriften verbindlich
vorgeschrieben oder mehrere Schriften zur Auswahl gestellt
werden.
Die Dokumentation der Schriftentwicklung und des Schreibens als
eine der ältesten Kulturtechniken nimmt im Aufgabengebiet des
Deutschen Buch- und Schriftmuseums einen wichtigen Platz ein. Neben
historischen Beispielen der Schreib- und Druckschrift aus
verschiedenen Kulturkreisen und Anwendungsgebieten gehören auch
Arbeiten bedeutender europäischer Schriftkünstler des 20. und 21.
Jahrhunderts zum Bestand.
Ein Ergänzungsankauf von Arbeiten der Dresdner Schriftkünstlerin
Renate Tost im vergangenen Jahr und Schenkungen der Künstlerin
gaben Anlass für diese kleine Würdigung.