Mitteilung vom 23. Mai 2008
Geneviève Pitot: Der Mauritius-Schekel
Selbst in der Exilforschung ist es wenig bekannt, dass auch
der Inselstaat Mauritius im Indischen Ozean zum Exilort für vom
NS-Regime verfolgte Juden aus Mitteleuropa wurde, die noch 1940
versucht hatten, über die Donau und das Schwarze Meer nach
Palästina zu gelangen. Nachdem sie unter großen Gefahren den
Hafen von Haifa erreicht hatten, wurden sie von der britischen
Mandatsmacht daran gehindert, an Land zu gehen und auf zwei
holländischen Schiffen weiter nach Mauritius verbracht. Hier
wurden die 1560 Flüchtlinge als "illegale" Einwanderer
viereinhalb Jahre im Zentralgefängnis Beau Bassin gefangen
gehalten, bevor sie endlich in Palästina einreisen konnten.
Unter den Flüchtlingen befand sich auch die Malerin Anna
Frank-Klein aus Berlin. Sie lehrte vorübergehend als
Zeichenlehrerin an einer Schule in Mauritius, die auch die
damals 10jährige, auf Mauritius geborene Geneviève Pitot
besuchte.
Geneviève Pitot, die später als Bauingenieurin in London und Frankfurt am Main tätig war, hat in den 1990er Jahren in Erinnerung an ihre Zeichenlehrerin die Geschichte der jüdischen Häftlinge auf Mauritius in den Jahren 1940 bis 1945 geschrieben. Dazu hat sie einstige Inhaftierte und deren Nachkommen befragt und Archive in Israel und London ausgewertet. Ihr Buch wurde 1998 in englischer Sprache bei Editions Vizavi, Port Louis, Mauritius, veröffentlicht (Reprint 2000 bei Rowman & Littlefield, Lanham, Maryland). Ihr Archiv übergab die Autorin 1999 dem Deutschen Exilarchiv 1933 - 1945. Es enthält die Unterlagen zu ihrer Veröffentlichung, darunter Berichte von ehemaligen Inhaftierten, Originalzeichnungen und das französische Originalmanuskript. Im Juni 2002 ist Geneviève Pitot in Bad Homburg v. d. H. verstorben.
Auf Initiative und unter der Herausgeberschaft von Vincent C. Frank-Steiner, Basel, einem Sohn von Anna Frank-Klein, ist nun eine Ausgabe in deutscher Sprache im Verlag Hentrich & Hentrich, Teetz und Berlin, erschienen. Dafür wurde das französische Manuskript von Peter Köhler übersetzt. In seinem Geleitwort bezeichnet W. Michael Blumenthal das Buch als 'einen wichtigen Beitrag zur Geschichte dieser Zeit': "Es beleuchtet gleichzeitig einen wichtigen Aspekt der schwierigen Entstehungsgeschichte Israels, wie die fast übermenschlichen Anstrengungen und Rückschläge, die die mittellosen jüdischen Flüchtlinge als unerwünschte Ankömmlinge in fremden Ländern zu verkraften hatten."