Ausstellung "Renate Tost: Von der Schulausgangsschrift zur Kalligrafie und skripturalen Gestik"

bis 03.02.2007 im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig

Neben Sprache und Gestik gehört die Schrift zu den wichtigsten Mitteln menschlicher Verständigung. Die persönliche Handschrift ist zugleich eine der individuellsten Ausdrucksmöglichkeiten. Über viele Jahrhunderte hinweg hatte die Ausbildung einer gut ausgebildeten Handschrift hohen Stellenwert und wurde sogar bis auf die Ebene der Schönschrift und Kalligrafie kultiviert. Im Zeitalter elektronischer Medien kommt dem Schreiben mit der Hand, abgesehen von der Unterschriftsleistung, einer schnellen Notiz, einem persönlichen Glückwunsch o. ä. nur noch randständige Bedeutung zu und der Begriff „Kalligrafie“ wird oft auf die Vorstellung asiatischer oder arabischer Schriftkunst und Schriftmeditation reduziert.
Im europäischen Raum gibt es eine Reihe von Künstlern, die auch heute noch kalligrafisch tätig sind und Vereinigungen, die diese Kunstpflege unterstützen (Ars Scribendi: Internationale Gesellschaft zur Förderung der Literatur- und Schriftkunst e.V., Schweizerische Kalligraphische Gesellschaft u. a.).

Der Weg der Dresdner Schriftkünstlerin Renate Tost (geb. 1937) zur Kalligrafie begann mit dem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (1955 - 1960). Zunächst konzentrierte sie sich auf die Auseinandersetzung mit der reformbedürftigen Schulausgangsschrift der DDR. Anregung dafür erhielt sie insbesondere von einem ihrer Lehrer, Albert Kapr (1918 - 1995). Bis zum Abschluss ihrer Promotion 1975 am Institut für Kunsterziehung der Universität Leipzig setzte sie sich in Zusammenarbeit mit der Diplompädagogin Elisabeth Kaestner theoretisch und praktisch-gestaltend mit der Funktionalität und Formgebung der Schulschrift auseinander. Während der sich anschließenden Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Dresden im Fachgebiet Kunsterziehung, konnte sie wieder verstärkt an die ursprüngliche Schriftausbildung bei Albert Kapr und Irmgard Horlbeck-Kappler an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst anknüpfen und auch das eigene künstlerische Schaffen aktivieren. Die Arbeitsfreundschaft mit Hildegard Korger, ebenfalls Hochschule für Grafik und Buchkunst, brachte vor allem nach dem Ausscheiden aus dem Lehrbetrieb weitere Impulse.

Die Präsentation gibt Einblick in den eigenwilligen Schaffensweg von Renate Tost, der zum Teil auch mit Phasen des Rückzugs verbunden war. Die wesentlichen Werkgruppen (Textgebundene Kalligrafie, Kalligrafische Formspiele, Abstrakte Kalligrafie, Skripturale Gestik, Linien, gebündelt zur Struktur) sind beispielhaft mit grafischen Blättern belegt. Wichtige Arbeitsschritte zur Entwicklung der Schulausgangsschrift sind in der Ausstellung dokumentiert, einschließlich eines knappen Rückblickes bis zur „Deutschen Schreibschrift“ von Ludwig Sütterlin.

Die Dokumentation der Schriftentwicklung und des Schreibens als eine der ältesten Kulturtechniken nimmt im Aufgabengebiet des Deutschen Buch- und Schriftmuseums einen wichtigen Platz ein. Neben historischen Beispielen der Schreib- und Druckschrift aus verschiedenen Kulturkreisen und Anwendungsgebieten gehören auch Arbeiten bedeutender europäischer Schriftkünstler des 20. und 21. Jahrhunderts zum Bestand. Ein Ergänzungsankauf von Arbeiten von Renate Tost im vergangenen Jahr und Schenkungen der Künstlerin waren Anlass für eine kleine Würdigung.

Eine CD „Kalligrafisches und andere Arbeiten auf Papier“ , als Bilanz des künstlerischen Schaffensweges, von Renate Tost mit Unterstützung von Hildegard Korger und dem Studio für Typographie, Druck und Medien / SchumacherGebler Dresden erstellt, kann im Museum erworben werden (Euro 20,00). Für die kleine Ausstellung liegt eine Presse-CD bereit.

Öffnungszeiten der Ausstellung
Montag bis Freitag von 8 bis 22 Uhr
Samstag von 9 bis 18 Uhr
An Feiertagen geschlossen

Führungen durch die Ausstellung auf Voranmeldung

 
E-Mail-IconHannelore Schneiderheinze